Hallo,
Mein Name ist Kadi, ich bin 17 Jahre alt und lebe momentan noch bis Ende Juni als Austauschschülerin in Ohio. Ich bin durch Zufall auf diese Seite gestoßen; nachdem ich mich, wie schon so oft, wegen eines sinnlosen, winzigen Konfliktes mit meiner Gastmutter in mein Zimmer verkrochen habe. Dort sitze ich am Schreibtisch mit dem Laptop vor mir, und gleichzeitig mit, wie es mir in sehr traurigen Momenten vorkommt, den schlimmsten Gedanken und Erinnerungen Auge in Auge.
An der Wand hängt ein Bild meiner Eltern, aufgenommen vor ca. 6 Jahren, als mir alles noch wie eine heile Welt erschien, bis bei meinem Papa nicht lange nachdem das Bild gemacht wurde ein unheilbarer Gehirntumor diagnostiziert wurde. Ich konnte fühlen, das etwas nicht stimme, doch war vielleicht zu jung um alles richtig einzuordnen und musste wenig später erkennen, das meine Mama sich und auch mich selbst in die Illusion einhülllte, das alles wieder gut werden würde. Doch natürlich wurde nichts gut. Ich hasste die Krankenhaus- und später Pflegeheimbesuche ich konnte nicht zusehen wie mein Papa Tag für Tag mehr davon verlor, was ihn zu dem machte das er war - ein lustiger, lebensfroher, liebensvoller Mensch. Ich versuchte alles zu verdrängen und fand auch bald fast schon Anerkennung von der Familie, ich sei ein so starkes Mädchen und habe das alles so gut weggesteckt, und ich glaube, damals habe ich das auch ein Stückweit geglaubt. Ich hatte niemanden mit dem ich reden konnte, doch dachte, das wäre normal, meine Freunde könnten das ja nciht verstehen. Ein Jahr später befand ich mich in, was man vielleicht so nennen kann, einer Identitätskrise, und befand mich in einer völlig irrealen Gefühlswelt, da ich bemerkte, wie ich, im Gegensatz zu meinen Freundinnen, keine Gefühle für das andere Geschlecht entwickelte, mich dafür aber umso mehr zu Mädchen oder Frauen hingezogen fühlte. Ich hatte gedacht an für sich wäre das keine große Sache, dass Sexualität einen so großen Platz im Leben einnehmen würde. Dazu aber später mehr. Als ich 14 Jahre alt war, musste ich miterleben, wie meine Mama begann, unter schweren Depressionen und Burnout-syndrom zu leiden. Wie schwer, das erfuhr ich allerdings erst ca. ein halbes Jahr später, als sie, nach einer stationären und einer ambulanten Behandlung, Selbstmord begann. Der Tag, an dem ich sie das letzte Mal sah, hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt und kommt mir so oft vor die Augen und dann muss ich mich die Fragen fragen, die vielleicht so typisch erscheinen. Ich hatte eine Freundin zu Besuch, wir saßen in meinem Zimmer und haben uns unterhalten als meine Mama hineinkommt und mir Bescheid sagt, das sie mal eben bei ihrer Schwester vorbeischauen möchte. Ich glaube, ich habe sie gar nicht richtig wargenommen, habe nur genickt und war gewissermaßen froh, vielleicht so froh wie man ist wenn man als Jugendlicher die Wohnung für sich alleine hat. Allerdings kam meine Mama nie wieder zurück, und könnte ich diesen Tag nocheinmal erleben, stelle ich mir vor, dass ich sie einfach festhalten und nicht gehenlassen würde, bis sie die Gedanken, sich umzubringen, überwunden hat. Ich weiß, dass das so nicht funktioniert und meine Gedanken kindisch erscheinen, aber es ist einfach das Erstmögliche an das ich denken kann. Nach dem ersten Selbstmordversuch diesen Abends wird sie von meiner Tante davon abgehalten, die sie dann auch ins Krankenhaus bringt. Zwei Tage später, die ich bei meiner Tante verbrachte, ruft sie mich an und heute weiß ich, dass sie sich von mir verabschieden wollte, doch an diesem Tag war ich wütend über das was sie getan hatte und war kurz angebunden. Heute hasse ich mich für mein Verhalten zu dieser Zeit und kann mir nicht vergeben. Es waren die letzten Momente in denen ich mit meiner Mutter hätte zusammen sein können. Am nächsten Tag steht die Polizei vor der Tür. Meine Mama sei veschwunden. Ich verlor kurz das Bewusstsein und wurde schwer erkältet in dieser Nacht und fühlte mich taub, als mitten in der Nacht der Anruf kam dass meine Mama tot aufgefunden wurde. Ich wünsche mir, jemand würde mich schütteln, mir ins Gesicht schlagen und mich endlich aus diesem Albtraum aufwecken lassen. Ich fühlte mich taub und leblos, aber machte weiter, als ob nichts passiert wäre. War immer noch lustig und die starke Schulter für meine Freunde, für die dieses Thema von Anfang an nie angesprochen wurde. Ich hatte niemanden, mit dem ich reden konnte, und leider habe ich so jemanden immer noch nicht gefunden. Ich habe Menschen, mit denen ich Dinge unternehmen kann, aber es ist kein Vertrauen da und keine enge Bindung, sie kennen zu viele wichtige Teile nicht und ich habe Angst, dass sie mich verstoßen, wenn ich ihnen diese Dinge erzähle.
Vor fast zwei Jahren bin ich in eine Essstörung hineingerutscht und ich befürchte, mir fehlt die Kraft, auch dagegen noch vorzugehen. An meinen Tiefpunkten, die ich hilflos weinend auf dem Boden meines Zimmers verbringe, sehe ich keinen Ausweg und sage mir, ich will nicht mehr. Mir wird doch sowieso alles genommen, was ich je liebgehabt habe. Ich hasse mich, ich fühle mich als Versagerin und weiß nicht wie ich aus diesem Teufelskreis rauskommen kann. Ich kann mich niemandem anvertrauen, jedoch steckt mir alles im Hals und jede kleine Streitigkeit und Kritik reißt die Wunden wieder auf, sagt mir, dass ich ein schrecklicher Mensch sein muss, der jegliche Zuwendung nicht verdient. Ich kann keine richtigen Freundschaften aufbauen, weil ich weiß, dass ich mich verschließe, sobald mir jemand zu nahe kommt. Ich fühle mich fehl am Platz wo immer ich bin und möchte wegrennen, zusammenbrechen, laut schreien. Jeden Tag frage ich mich dieselben Fragen. Würde mich jemand vermissen, wenn ich nicht da wäre? Was wenn ich jetzt einfach verschwände? Doch ich setze ein Lächeln auf und mache weiter, nur um anderen einen Gefallen zu tun. Was ist an mir so schrecklich, dass ich nirgends heineinpasse? Gefühle, die von anderen als normal erlebt werden, kenne ich nicht mehr, ich lebe nur die Extreme und fühle mich leblos und nicht richtig.
An irgendetwas in meinem doch so kurzem Leben muss ich zerbrochen sein und ich weiß nicht, wie ich die verlorenen Stücke wieder aufsammeln kann. Ich mag resigniert scheinen und schreibe alles, als ob ich nicht in meinem Körper stecke, als ob ich mich von irgendwo beobachte. Ich verlor meine Eltern, ich passe nicht in diese Welt, ich passe nicht in ihre sozialen Vorstellungen, ich lasse mich so oft wie Dreck behandeln und denke ich verdiene es, ich behandle mich selbst wie Dreck weil ich nicht mehr weiterweiß und unaufhaltsam von dem Strudel, der das, was man Leben nennen kann, einsaugen.
Das ist eine kurze Zusammenfassung von dem, was mich seit einiger Zeit sehr beschäftigt. Vielleicht ist das die Geschichte von vielen Menschen und vielleicht ist es nicht richtig, andere Menschen damit zu belasten, wenn ich weiß, dass sie eigenen Probleme haben. Trotzdem Danke an alle, die es gelesen haben.
Kadi
Michael Rudolf Widmer - Institut Vita Plus - Forum » Einsamkeit
Am Ende?
(2 posts)-
vor 1 Jahr veröffentlicht #
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Hallo Kadi,
Deine Worte haben mich tief berührt. Es ist sehr viel was Du in Deinen jungen Jahren mit Dir trägst. Nicht nur die traurige Tatsache, dass Deine Eltern nicht mehr leben und Du „tapfer“ Deinen Weg gehst. Schon als Kind warst Du „tapfer“, warst stark für alle anderen. Wolltest niemanden noch zusätzlich belasten. Also hast Du es „weggesteckt“, und all die schweren Gefühle wurden verpackt. Dabei kann ich mir gut vorstellen, wie schwer so ein gefüllter Rucksack sich anfühlt, und wie schwer er sich trägt. Gefüllt mit all Deinen berechtigten Gefühlen. Es sind Gefühle und Ausdruck von tiefem Schmerz, durch den Verlust geliebter Menschen, aber auch von unbeschwertem Leben.
In Deinen Zeilen lese ich von dem Schock, der förmlich in Deine „Glieder“ fuhr, es zog Dir den Boden unter den Füßen weg. Ja es ist nachfühlbar, wie es Dir bei all dem schwarz vor den Augen wurde. Es ist einfach nur noch schwarz.Menschen unter «Schock» sind wie gelähmt. Der Körper schützt sie dadurch, indem er das Gefühl vorübergehend ausschaltet. Nicht von ungefähr kommt der Ausdruck, „der Schock sitzt einem noch in den Gliedern“. „Einfach“ zu funktionieren um zu überleben, hilft für eine gewisse Zeit. Verständlich, dass sich Dir diese Gefühle auf die Dauer „auf den Magen schlugen“. Dein Körper zeigt auf, was Dir „im Halse steckt“. Ich glaube, jeder der Deine Zeilen liest, versteht sehr gut, dass Du nichts mehr „schlucken“ kannst. Es ist einfach viel.
Für Dich ist es dabei wichtig, dass Du Deinem Körper «zuhörst». Dass Du auf ihn achtest und auf seine Signale eingehst. Dass Du Dich hier äußerst zeigt Deine Kraft auf – auch wenn Du Dich müde und alleine fühlst. Gut dass Du Dich hier äußerst. Es ist sehr wichtig, dass Du über Deine Gefühle sprichst, schreibst, Dich ausdrückst. So und nur so verhinderst Du, dass sie sich in Dir festsetzen und in sich in lähmende Schwere wandeln. Auf Grund von all dem was Du in Deinen jungen Jahren bereits erlebt hast, wäre es für wertvoll, das das erlebte und emotional erfahrene liebevoll zu verarbeiten, dosiert und mit viel Bedacht. Auf diese Weise wird es möglich, dass Schweres liebevoll angenommen und umgewandelt werden kann, dass Schwere seine Last «verliert», dass Raum für neue Leichtigkeit und Lebendigkeit geschaffen wird. Dieses befreiende Gefühl nach dem Annehmen, Verarbeiten, Loslassen und Umwandeln schwerster Gefühle gibt die Kraft und die Lebensmotivation, die Lust sein Leben aktiv zu gestalten und frohen Mutes zu begehen.
Diese Schritte sind alleine manchmal fast zu viel. Wirst Du von jemanden diesbezüglich begleitet – oder wurdest Du bereits entsprechend begleitet? Nicht immer ist es sinnvoll alles alleine angehen zu wollen. Nicht dass man es nicht könnte, sondern weil es einen kräftemäßig überfordert oder wie demotiviert statt motiviert.Einsamkeit
Du bist weit weg von zu Hause. Viel Neues, sicher auch Spannendes und doch auch viel Unbekanntes, Fremdes. In solchen Lebensmomenten können einen dann schwere Gefühle im «stillen Kämmerlein» zusätzlich beschäftigen. Es sind Momente, in welchen die Gedanken in das was war gleiten und entsprechende Gefühle auslösen. Enttäuschungen und Verletzungen sich erst recht wieder bemerkbar machen. All dies ist ganz menschlich Kadi und normal. Es ist eine Art von Rückblick. Was Dir helfen kann – versuche für Dich liebevoll zu betrachten, was alles Schöne und Liebevolles Du bereits erleben durftest (nebst allen Schweren) – wo Du sozusagen auch «Glück» gehabt hast, oder es Dir einfach gut ging. Schreibe Dir das auf. Vielleicht führst Du ein Tagebuch über Deine Gefühle und Eindrücke. Auf diese Weise erarbeitest Du Dir einen gewissen Ausgleich der Gefühle. So schützt Du Dich in Akutmomenten davor, ganz nach unten gezogen zu werden.Wie erwähnt, Du schreibst hier, drückst Deine Gefühle hier aus, das ist sehr wertvoll. Du kannst z.B. auch auf unseren Seiten beim Thema «Leben» auf den Seiten «Gefühle ausdrücken» über alles was Dich bewegt schreiben. Einen virtuellen Brief an eine Person schreiben die Du vermisst – und so über Deine Gefühle sprechen. Hast Du schon mal ein Gedicht geschrieben – auch eine sehr intensive Form des Ausdruckes.
Vielleicht kennst Du auch jemanden, mit dem Du Dich austauschen kannst, dem es mit seinen Gefühlen ähnlich geht. Das Austauschen von Erfahrungen kann motivieren und Kraft geben. Man fühlt sich nicht mehr so ganz alleine mit dem was war. Wenn Du wieder zurück bist, kannst Du bei Bedarf auch bewusst jemanden suchen, der Dich über eine gewisse Zeit begleitet. Jemand der Dich mit Erfahrung beim Ausdruck und der Umwandlung von all dem was war unterstützen kann, und Dir entsprechende Möglichkeiten und Wege bietet.
Wir wünschen Dir weiterhin viel Kraft – stehe zu Deinen Gefühlen, sprich über sie, drücke sie aus und lebe bewusst jeden einzelnen Tag.
Wir wünschen Dir eine gute Zeit in Ohio.vor 1 Jahr veröffentlicht #
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