Sterbebegleitung – was soll das?
Interessanterweise ist der Begriff Lebensberatung wesentlich bekannter. Würdest Du mich bei diesem Begriff auch fragen was das soll? In der absoluten Kurzfassung würde ich sagen – verwende was Du unter Lebensberatung an Inhalten verstehst und ersetze dann einfach «Lebens» mit Sterbe. Kommt das so hin? Am liebsten würde ich unsere Form der Sterbebegleitung/Beratung umbenennen in «Sterbe-Vorbereitungs-Beratung». Nun aber konkret zu unseren Angeboten in der Thematik Sterbeberatung bzw., was wir unter diesem Begriff verstehen. Sterben gehört zum Leben, es ist der letzte Abschnitt unseres Lebensweges. Umso unbegreiflicher ist es eigentlich, wie wenig wir im Alltag über diese unglaublich wichtige Phase unseres Lebens sprechen.
Sterben und Tod ist aus unserem täglichen Alltag verbannt. Wir kennen Schwangerschaftsberatung, Säuglingsberatung, Berufsberatung, Steuerberatung etc. etc. Aber den letzten Lebensweg-Abschnitt, den lassen wir gerne außen vor. Na ja – sterben und der Tod sind, liegen auch ziemlich nahe bei einander. Und wer spricht denn heute schon freiwillig über den Tod. Wir wollen unsere Endlichkeit negieren – was nicht sein darf, kann nicht sein. Kannst Du Dir daher die Einsamkeit und Ausdruckslosigkeit eines Menschen vorstellen, der z.B. aufgrund einer Diagnose weiß, dass er definitiv seinem Lebensende entgegenblickt? Mit wem soll er über seine Fragen, Ängste, Gefühle, Zweifel, etc. sprechen? Mit seinem Lebenspartner? Ist dies immer möglich? Hast Du einen Lebenspartner? Wie intensiv, wie tief, wie «intim» ist diese Beziehung? Mit Familienangehörigen, Freunden oder Bekannten darüber sprechen? Bei vielen mag dies möglich sein – aber was, wenn nicht? Und nun kommt ein weiteres wichtiges Thema. Wie bewandert, geübt sind denn diese Gesprächspartner mit der Thematik Sterben und Tod? Da geht es doch ziemlich ums «Eingemachte», um wirklich den aller innersten Kern unseres Seins. Unsere Existenz, unser woher, das Warum, das Wie und … Wohin? Einfache Themen?
Und Du fragst mich immer noch, was Sterbeberatung soll? Der letzte Lebensweg Abschnitt beginnt ab dem Moment, wo Du Dir des nahenden Endes gewahr wirst. Diese, Deine allerletzte Wegetappe kann sich wie ein ganzes Leben anfühlen. Wenn Du Dir dessen bewusst bist, Dich der Tatsache Deiner Endlichkeit stellst, erhältst Du das Geschenk eines «zweiten Lebens» im Leben. Und genau dieses unbeschreibliche Geschenk verweigern viele infolge Verweigerung der Akzeptanz unserer Endlichkeit. Erahnst Du nun Sinn, Zweck und Bedeutung einer wahren Sterbe-Beratung und Sterbe-Begleitung? Ich möchte dazu bei meinem Beispiel Bergführer bleiben. Es gibt verschiedene «Ausprägungen» von Bergführern. Nicht jeder eignet sich für jeden Gipfel.
In dem Sinne handelt es sich bei einem Sterbe-Berater/Begleiter um einen ausgewiesenen Himalaja Guide – höher rauf geht es nicht mehr... es ist der Weg auf das «Dach unseres Lebens», die Krönung unseres Lebens. Du bist reich beschenkt, wenn Du die Chance erhältst, diesen Lebenswegabschnitt bewusst (bei vollem Bewusstsein) erleben zu dürfen. Umso trauriger macht es mich, dass viele Menschen, die das Glück haben, dieses Geschenk zu erhalten, dieses nicht erkennen oder es gar verweigern. Allenfalls sind sie auch zu stark absorbiert mit den medizinischen Bestrebungen das Leben der Unsterblichkeit zuzuführen. Wenn Du dank der medizinischen Errungenschaften die Chance erhältst, den letzten Wegabschnitt bewusst wahrnehmen zu können und zu er-leben, dann bist Du reich beschenkt. Auf die Thematik wie weit Du den letzten Wegabschnitt bewusst wahrnimmst und «gestalten» kannst, wenn Du nicht mehr bei Bewusstsein bist, möchte ich hier nicht eingehen. Es würde diesen Rahmen sprengen.
Eine umfassende Sterbevorbereitungs-Beratung/Begleitung soll Dir eine Hilfestellung sein, Deinen letzten Wegabschnitt bewusst und so «aktiv» wie noch möglich zu gestalten und zu erleben. Sie soll Dich ermutigen, stärken und unterstützen bei der Annahme Deiner erlebten und insbesondere auch ungelebten und nicht mehr nachholbaren Lebensweg-Themen. Das Akzeptieren von eigenen «Fehlern», von nicht mehr korrigierbaren Folgen eigenen Handelns des bisherigen Lebensweges und von Träumen, Zielen, Absichten, für deren Realisierung einfach keine Zeit mehr vorhanden ist, all dies sind schwere Hausaufgaben. Verstehst Du nun, wozu erfahrene Himalaja-Bergführer gut sind?
