Mir kann niemand helfen
Es kommt ganz darauf an, was Du unter «helfen» verstehst. Wenn es in die Richtung geht, dass jemand anderer Deine Gefühle ausdrücken, annehmen oder verarbeiten soll für Dich – dann ist Deine Aussage richtig. Es ist wieder einmal mehr wie bei der Bergwanderung. Der Bergführer kann Dir den Weg, Abkürzungen, Vereinfachungen und sonst Wertvolles zeigen, er trägt Dich aber nicht hoch.... Doch es gibt für jeden Menschen den passenden Bergführer – auch für Dich. In dem Sinne gibt es kein Tief aus dem nicht auch ein Weg herausführt.
Es ist auch verständlich, dass in schweren Momenten, die Gefühle, die Eindrücke Dich überwältigen können. Dein ganzes Sein ist mit Fühlen und Gefühle verdauen beschäftigt. Gleichzeitig sich noch umzusehen und Wege zu finden und abzuwägen kann dabei verständlicherweise oftmals einfach zu viel sein. Und dafür kannst Du Unterstützung finden. Es ist ja nicht, dass Du nicht «berggängig» bist, Du kennst nur den Weg noch nicht und hast vielleicht im Moment gerade auch deshalb Angst davor. Vielleicht auch Zweifel, ob Du diesen Weg gehen kannst. Auch in solchen Momenten kann Dir ein Bergführer wertvolle Dienste leisten. Er zeigt Dir auf, was Du in Deinem Leben schon alles erlebt und gemeistert, erreicht hast und kann dies in Verbindung bringen mit dem Schritt der vor Dir liegt. Dabei kann er Dir helfen, Dein Selbstvertrauen wieder aufzubauen und Dir das Vertrauen in Deine Fähigkeiten vermitteln. Siehst Du wie ich das meine? Hier gilt es auch noch einen weiteren Punkt zu berücksichtigen:
Schwere Lebensmomente können Dich so auslaugen, fordern, entkräften, dass eine Aussage «mir kann niemand helfen» manchmal ein temporärer Selbst-schutz ist, aus Angst, die Kraft für den Schritt nicht mehr aufbringen zu können. In einem solchen Moment bist kaum in der Lage irgendetwas zu unternehmen. Dies kann z.B. der Fall sein in der Akutphase des Schmerzes, wenn das Vorgefallene noch sehr frisch ist. Hier hilft es schon, wenn Du einfach mit einer Person Deines Vertrauens über Deine Gefühle, Deinen Schmerz und Deine Ängste sprechen kannst. Es hilft Dir «Luft zu verschaffen». Viele äussern sich später, dass sie diese Zeit in Trance durchlebt hätten. Auch dies ist ein ganz normaler Selbstschutz der Natur, der uns früher schlicht das Überleben in Gefahrenmomenten ermöglicht hat. Sobald Du etwas Abstand hast, etwas zur Ruhe kommst, können Dich dann aber die «aufgeschobenen» Gefühle überrennen. Leider sind in dieser Phase viele Menschen alleine. Die Menschen, die Dir in der Akutphase zur Seite standen, haben sich wieder ihrem Alltag zugewendet. Kennst Du dies? Jetzt kann Einsamkeit und Leere noch viel unerträglicher werden. Spätestens jetzt kann es angezeigt sein, dass Du jemanden Externen zur «Unterstützung» herbeiziehst. Wer würde in dieser Verfassung schon alleine eine Bergtour angehen?

